Ich habe heute beschlossen eine Frage mit aufzunehmen und sie zum heutigen Thema zu machen, da ich weiß, dass sich diese Frage viele Frauen stellen und ich gerne hier ein bisschen mehr Klarheit schaffen würde.

Es geht um die folgende Frage:

Hallo liebe Jackie,

ich möchte dir vorerst für deine so wertvolle Arbeit danken. Ich leide seit vielen Jahren an Bingeeating Attacken und mein ganzer Tag dreht sich nur ums Essen. Durch deinen Podcast habe ich verstanden, dass mein Problem aber ein ganz anderes ist. Ich bin jetzt in Therapie und arbeite einige Dinge aus meiner Vergangenheit auf. Jetzt ist meine Frage: Ich habe das Gefühl, dass es jetzt noch viel schlimmer geworden ist und ich bekomme Zweifel, ob ich so wirklich einfach an den Punkt kann, an dem ich mich intuitiv ernähren kann. Könntest du vlt. etwas Licht ins Dunkle bringen? Ich danke dir jetzt schonmal von ganzem Herzen.

Ich danke dir erstmal für deine so wertvolle Frage, weil ich weiß, dass viele Frauen nach und während einer Therapie an dem Punkt stehen, und ich freue mich darüber, hier aus meinen Erfahrungen und meinem Wissen sprechen zu dürfen. Alles, was ich in diesem Artikel erzähle, soll aber nicht nur an die Frauen gerichtet sein, die eine Therapie machen oder gemacht haben, sondern hier kann jede sehr viel für sich mitnehmen. Wenn ich gleich anfange, über Therapien zu sprechen, möchte dazu sagen, dass meine Antwort sich auf all meinen Erfahrungen, meinem Wissen und die Arbeit mit den vielen Frauen bezieht, die ich bereits betreuen durfte und betreue. Ich will hier natürlich nicht ausschließen, dass bei einer anderen Person, auch ein anderer Weg funktioniert.

Nicht das Essen ist das Problem

Zuerst: Ich finde es erstmal ganz toll, dass du dir eingestanden hast, dass nicht Essen dein Thema ist, sondern der Grund dafür, wieso du überhaupt das Essen BRAUCHST, bearbeitet werden möchte. Das Problem sind nicht unsere Gedanken, die sich ums Essen drehen, sondern WARUM unsere Gedanken überhaupt ums Essen kreisen. Ich möchte hierfür nochmal ein Stückchen tiefer gehen, um das „WARUM“ nochmal zu anzusprechen. Das Warum findet hier auf verschiedenen Ebenen statt. Ich möchte hier mit der Ebene der Seelenwunden anfangen, weil du genau das Thema angegangen bist.

Gehen wir dafür nochmal für einen Moment zurück in deine Vergangenheit. Gehen wir davon aus, du warst in deiner Kindheit Situationen ausgesetzt, die wir als Traumata bezeichnen würden. Ich möchte hier nochmal betonen, dass Trauma nicht nur tiefe Schicksalsschläge wie Missbrauch, Verluste oder ähnliches sein müssen, sondern auch schon entstehen, wenn wir uns nicht in unserem vollen Sein geliebt und angenommen gefühlt haben, Streits mitbekommen haben, zu wenig Beachtung bekommen haben oder auf irgendeine andere Art Ohnmachts- oder Angstsituationen ausgesetzt waren.

Ich möchte hier mal ein direktes Beispiel geben:

Stell dir vor, du warst Zuhause immer wieder schlimmen Streitsituationen deiner Eltern ausgesetzt. In diesen Situationen hast du dich hilflos gefühlt und dir einfach nur gewünscht, dass sie aufhören zu schreien. So, behalten wir das Beispiel jetzt mal im Kopf. Jetzt möchte ich dir erklären, was während währenddessen bei dir passiert ist: Unser System funktioniert evolutionär noch ganz genauso wie früher. Das bedeutet, wenn du dich früher in einer Notsituation befunden hast und ein Säbelzahntiger vor dir stand, hat dein System dir geholfen, indem es dich auf den Kampf oder die Flucht vorbereitet hat. Dafür hat er Hormone wie Cortisol und Adrenalin ausgeschüttet und dein Nervensystem ist in die Höhe gefahren, um deine ganzen Kräfte zu mobilisieren.

Jetzt hattest du die Möglichkeit zu fliehen oder zu kämpfen. Jetzt gibt es aber noch die dritte Möglichkeit, wenn du weder kämpfen noch fliehen konntest. Die Erstarrung. Die kennst du vlt. von Tieren. In Situationen, in denen sie weder kämpfen noch fliehen können, erstarren sie und stellen sich tot. Würdest du ein Tier dann beobachten, würde es sich, sobald es wieder in Sicherheit ist, danach schütteln und zittern und somit wieder einen normalen Zustand kommen. Da wir uns heute in den meisten Fällen nicht mehr in echten Gefahrensituationen befinden, bestehen diese Notsituationen oft aus emotionalen und psychischen Leiden.

Kommen wir in eine Ohnmachtssituation in unserer Kindheit, in der wir eine Situation ausgesetzt sind, in der wir weder kämpfen noch fliehen können, passiert bei uns genau das Gleiche – die Erstarrung. Das bedeutet, dass unser hochgeschraubtes Nervensystem nicht wieder runterfährt. Und genau in diesem Zustand befinden wir uns oft immer noch. Ich könnte jetzt noch viel tiefer über die Thematik reden und darüber sprechen, wieso du in diesem Zustand keine bewussten Entscheidungen mehr treffen kannst, aber ich belass es an dieser Stelle dabei.

Ist dein Nervensystem hochgefahren?

Mir ist erstmal nur wichtig, dass du den Grund verstehst, wieso du heute etwas benötigst, was dein Nervensystem reguliert und wieso du da nicht mit Disziplin gegen ankommst. Also, das bedeutet, dass diese alten Seelenwunden dafür sorgen, dass dein Nervensystem die ganze Zeit über viel zu hochgefahren ist, bevor du sie ausheilen lassen hast. Ist das der Fall, wirst du immer etwas benötigen, das dir dabei hilft, wieder einen normalen Zustand der inneren Ruhe zu kommen.

Für dein System befindest du dich immer noch in einer Notsituation.

Ich möchte dafür einen kleinen Test mit dir machen. Schließ dafür mal kurz deine Augen und atme mal drei mal ganz tief ein. Jetzt fühl mal einen Moment in dich hinein. Fühlst du dich innerlich ruhig und sanft oder merkst du eine innere Unruhe und Nervosität? Hier fühlst du vielleicht schon dein hoch gefahrenes Nervensystem. Mach diesen Test ruhig mal öfter am Tag. Ich bin mir sicher, dass du feststellst, dass du dich innerlich in den meisten Fällen unruhig fühlst.

Wir sprechen hier also ganz automatisch über die emotionale, wie auch über die körperliche Ebene. Es ist also sehr wichtig, dass wir auch die körperliche Ebene mit einbinden. So, jetzt gehen wir mal von einer Therapie aus, in der du darüber sprichst, wieso deine Kindheit schwierig war. Vielleicht berichtest du hier davon, wie deine Mutter oder dein Vater sich verhalten haben oder wie du dich dabei gefühlt hast. Was passiert in dem Moment? Dadurch, dass dein Gehirn nicht unterscheiden kann, zwischen deinen Gedanken und dem, was wirklich passiert, befindest du in diesem Moment wieder genau in dieser Situation. Du hast im Laufe der Jahre fest einprogrammiert und eingespeichert, dass Essen dich in diesen Situationen unterstützen kann, denn Essen hat (leider) die Macht, dein Nervensystem runterzufahren. Damit ist Essen zu deinem Schutzprogramm geworden.

Stellst du dich jetzt bewusst den Situationen, die dich verletzt haben, fährt dein eh schon hochgefahrenes Nervensystem also wieder komplett in die Höhe und dein Schutzprogramm greift. Das ist schonmal die Antwort darauf, wieso du gerade das Gefühl hast, dass es sogar schlimmer wird.  Jetzt ist die Sache: Über all das zu sprechen, schafft Erleichterung und kann unfassbar guttun, aber nach meinen Erfahrungen, heilen die Wunden dadurch nicht einfach aus. Es ist metaphorisch gesehen eher so, dass ein Jogger, der hingefallen ist und jahrelang seine Wunden ignoriert hat und versucht hat, sich die Wunden mit Pflaster zu überkleben, sich jetzt die Zeit nimmt, um sich die Wunden wirklich anzugucken.

Häufig betrifft es unser GANZES Leben

Das Problem ist, dass die Wunden nicht für sich alleinstehen, sondern dafür gesorgt haben, dass wir im Laufe unseres Lebens, sehr viele, bis fast alles auf diesen Gefühlen aufgebaut haben, ohne dass es uns bewusst war. Es ist in etwa so, als hätte der Jogger aufgrund seiner Wunden, das Joggen aufgegeben und ist zum Schwimmer geworden, obwohl er das nie wollte. Heute ist es für ihn normal und es wurde zu seiner Identität, aber sie ist auf seinen alten Verletzungen aufgebaut.

Vergessen wird er das dabei aber nie und in ihm wird immer diese Sehnsucht sein, von dem, was er in seinem Kern und in seinem Herzen ist. Innerlich wird es ihn ihm also so lange schreien, bis er all dem endlich wieder die Aufmerksamkeit schenkt. Hiermit ist nicht nur das Schwimmen gemeint, sondern viele seiner heutigen Einstellungen, Charaktereigenschaften, Werte. Dazu kommt, dass aufgrund der tiefen, alten Wunde viele andere Wunden entstanden sind.

Er kann also nur wieder zurück zum Joggen kommen, wenn er zuerst all das beginnt zu verstehen, um dann seine Wunden ausheilen zu lassen. Es ist also nicht nur die Vergangenheit, wo vielleicht alles begonnen hat, sondern häufig betrifft es unser GANZES Leben. Auch die Sehnsucht, die in dir schreit, wird so lange schreien und nach Glück im Außen suchen, zum Beispiel über das Essen, aber auch alles andere, bis du ihr wieder die Beachtung schenkst, die sie sich wünscht.

Um das Ganze nochmal zu verbildlichen:

Stell dir mal einen großen runden Kreis vor deinem geistigen Auge vor. In diesem Kreis verbinden sich viele kleine und große schwarze Flecken. Diese schwarzen Flecken stehen für deine Verletzungen, Wunden und Sehnsüchte. Entweder sind die schwarzen Flecken sehr viele und so dicht beieinander, dass sehr wenig weiße Fläche noch zu sehen ist, oder der weiße Bereich ist noch zu sehen. Je mehr schwarze Flecken sich in diesem Kreis befinden, desto dunkler ist deine Innenwelt. Ich hatte Phasen in meinem Leben, da war es in mir sehr sehr dunkel.

Bei jedem Mal, wenn ein schwarzer Fleck berührt wird – also, wenn eine Sehnsucht aktiviert wird, Zweifel und Ängste aufkommen oder eine Wunde berührt wird, wird deine Schutzstrategie greifen. Je tiefer du sie eingepflanzt hast: Also zu essen oder dir Kontrolle über Sport oder Tracking z.B. zu suchen, desto aktiver wird sie werden. Du BRAUCHST also das Essen oder die Kontrolle. Das sind schon lange keine bewussten Entscheidungen mehr. All das passiert schon lange unterbewusst.

Du kannst dir vielleicht vorstellen, dass es relativ schnell vorkommt, dass du einen schwarzen Fleck berührst, je dunkler es ist. Es ist wie auf einen Mienenfeld und auch dein Partner oder wer auch immer, läuft die ganze Zeit auf diesem Mienenfeld und es unmöglich, nicht auf eine Miene zu treffen. Unser Ziel ist also die schwarzen Flecken mit der Zeit immer weniger werden und ausheilen zu lassen und den weißen und lichten Bereich sich wieder ausweiten zu lassen. Je mehr das passiert, desto mehr Sicherheit baut sich IN dir auf.

Gleichermaßen ist es aber auch sehr sehr wichtig, dass wir die Verknüpfungen lösen von den schwarzen Flecken und Essen. Dafür ist es zwingend notwendig, dass du lernst, mit deinen Gefühlen umzugehen, dich selbst emotional zu begleiten, achtsam und bewusst wirst, und gezielt diese Kette durchbrichst von emotionalen Verletzungen und dem Essen. Erst dann bist du überhaupt in der Lage dazu, wieder ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen. Das funktioniert aber NIEMALS über Disziplin, sondern über Bewusstsein und Heilung und, indem wir dem weißen Bereich wieder mehr Kraft und Raum geben. Es ist also viel mehr, als sich die Ursprünge anzugucken. Wir dürfen und müssen die heutige Situation mit einbeziehen, genauso wie die körperliche Ebene und eine Brücke schlagen von unseren Ursprüngen zur heutigen Situation.

Um dir etwas Konkretes mitgeben zu können, würde ich dich bitten, dir dein Mienenfeld anzugucken. Nimm dir ruhig mal ein Blatt Papier und mal dir deinen Kreis auf und male intuitiv die schwarzen Flecken rein, die sich in deinem eigentlich weißen Feld befinden.

Wann trittst du auf eine Miene?

Was sind immer noch Ausdrücke ganz alter Seelenwunden?

Kannst du die Brücke schlagen?

Wie kannst du die Momente, in denen du den hellen Bereich fühlst, mehr ausweiten?

Wie sehr bindest du deinen Körper in all dem ein? 

Vergiss nie, dass es verschiedene Ebenen gibt und auch die körperliche Ebene und unser Nervensystem hier einen großen Teil dazu beitragen, dass wir unsere Schutzstrategien BRAUCHEN. Ich hoffe, ich konnte dir hier ein paar neue Erkenntnisse mitgeben und du konntest in diesem Artikel verstehen, dass Heilung nicht bedeutet, einmal die Woche über unsere Vergangenheit zu sprechen, sondern IN uns, in jedem Tag, in unserem Alltag uns die Möglichkeit zu geben, heilen zu können. Ich schicke dir unendlich viel Liebe und Kraft für diesen Weg und die Beantwortung der Fragen, die ich dir mitgegeben habe!