Ich habe bei Instagram das Thema SPORT angesprochen und war überrascht, wie viel Interesse da war. Ihr habt mir sehr viele Fragen dazu gestellt und hattet den großen Wunsch, dass ich mal eine Podcast Folge bzw. einen Artikel über das Thema verfasse. Diesem Wunsch möchte ich jetzt nachkommen.

Da das Thema so komplex ist, möchte ich es gerne in zwei Beiträge unterteilen. In diesem Artikel werde ich euch ein wenig über meinen eigenen Weg erzählen und den Hintergrund des Ganzen durchleuchten. Durch meine Geschichte wirst du verstehen, wieso es heute so schwer für dich ist, FREUDE mit SPORT zu verbinden und/oder wieso du dich schlecht fühlt, wenn du keinen Sport machst.

Es begann alles mit dem Wunsch „schlank und schön“ zu sein

Ich möchte dazu zuerst viele Jahre zurück gehen und an dem Punkt ansetzen, an dem ich begonnen habe, Sport zu machen. Sport und mein gestörtes Essverhalten sind eigentlich schon von Anfang an, Hand in Hand gelaufen und ich habe zusammen mit meiner ersten Diät, damals mit 10 Jahren auch begonnen, joggen zu gehen.

Für mich war das damals eine unglaubliche QUAL und auch immer schon mit dem Gedanken verbunden, dass ich stärker sein muss als mein innerer Schweinehund. Nur so würde ich etwas erreichen und dort hinkommen, wo ich hinwill. Beim Thema Sport ging es mir also schon von Anfang an nur um das RESULTAT, dass es mit sich bringen sollte. Das bedeutet: Ich hatte Sport schon sehr sehr früh mit LEISTUNG verbunden und gleichermaßen mit Anstrengung, um ein Ziel zu erreichen.

Das Thema Joggen und Sport waren seitdem immer mal wieder ein Begleiter. Mal hat er mehr Raum eingenommen und mal weniger – aber in meinem Kopf war seitdem fest etabliert, dass ich Sport machen muss, wenn ich mein Ziel „schlank und schön sein“ erreichen möchte.

Da ich „schlank und schön sein“ mit dem Gefühl der Wertigkeit verknüpft hatte, genauso wie Kontrolle und Kampf mit „STARK sein“, war schlussfolgernd Sport verknüpft mit dem Gefühl „wertvoll zu sein“.

Hatte ich also in meinen Augen „schlechte Phasen“ in denen ich weniger Sport gemacht habe, fühlte ich mich sehr schlecht. Wie ein Versager…denn wir wissen alle, dass das Gegenteil von dem Gefühl wertvoll zu sein, das Gefühl von Wertlosigkeit ist. Da ich meiner Verknüpfung also nicht nachgegangen bin, hat sich automatisch das Gefühl des Versagens bei mir eingeschlichen. Dieses Gefühl war mal stärker und mal weniger stark ausgeprägt.

Besonders stark ausgeprägt war das Gefühl dann, wenn ich auch in anderen Bereichen das Gefühl hatte, keine Kontrolle zu haben, mein Leben nicht im Griff zu haben oder schlichtweg nicht gut genug zu sein. Es ist also nicht verwunderlich, dass in diesen Momenten die Verknüpfung von Sport, Kontrolle und dem Gefühl von „wertvoll sein“ aktiv wurde und ich mich automatisch versucht habe, in die Richtung zu drängen.

Wie der Sport meinen Selbstwert fütterte

Wollte ich die Erfahrung und das Gefühl erfahren, meinen Körper zu spüren und ihm das zu geben, was er braucht?

NEIN, natürlich nicht. Ich wollte das Gefühl von KONTROLLE haben und damit das Gefühl loswerden, dass ich ein Versager bin! Das spannende an der Sache ist, dass dieses Gefühl tatsächlich eintrifft, weil tief in meinem Unterbewusstsein verankert war, dass ich stark und diszipliniert war und die Kontrolle hatte, wenn ich den Sport durchzog. Also wurde ich süchtig nach dem Gefühl und wollte es nicht mehr loslassen. Ich dachte dadurch selbstbewusst geworden zu sein. Allerdings habe ich einfach nur den Teil in mir gefüttert, der alles dafür tut, den Teil in mir nicht zu fühlen, der eigentlich denkt, nicht gut genug zu sein.

Dieser Teil ist nie verschwunden. Ich habe schlichtweg versucht ihn ersticken zu lassen, indem ich versucht habe, stark und kontrollierend zu sein. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass ich in den Sportwahn gerutscht bin, nachdem ich frisch aus ziemlich heftigen Bulimie-Zeiten kam. Der Kontrollverlust wurde so stark und das Gefühl ein Versager zu sein, dass ich es einfach nicht mehr ausgehalten habe.

So musste ich an etwas festhalten, dass mir dieses Gefühl nahm – etwas was ich kontrollieren konnte.

Und so wurde daraus ein ZWANG

Gegen die Fressanfälle fühlte ich mich machtlos. Doch statt damit zu arbeiten, WIESO ich überhaupt diesem Gefühl unterliege und etwas in mir mich täglich zu heftigen Fressattacken drängte, habe ich einfach versucht dieses Gefühl zu verdrängen, indem ich etwas suchte, dass mir KONTROLLE gab! So fing meine Fitness Karriere an. Lasst euch bitte nicht täuschen von den Mädels auf Instagram, die davon berichten, wie erfolgreich sie ihre Essstörung durch Sport überwunden haben. Es ist schlichtweg eine Verlagerung und damit Kompensation.

So, und da saß ich nun drin. Täglicher Sport, verbunden mit Selbsthass, wenn ich keinen Sport machte. Selbsthass, wenn ich nicht stark genug war. Nicht diszipliniert genug war…Das Gefühl war vor allem so schwer für mich aushaltbar, weil ich dann wieder gespürt habe, was ich die ganze Zeit innerlich dachte: Dass ich nicht gut genug und schwach bin. Deswegen tat ich ALLES, um nicht mit diesem Gefühl konfrontiert zu werden. An diesem Punkt einfach zu sagen, ich geh das ganze einfach etwas lockerer an, ist kaum möglich, weil die Gefühle zu stark sind, die sich hinter dem Zwang verbergen.

Wie bei jeder anderen SUCHT auch.

 Ich befand mich also an einem Punkt, an dem ich eigentlich Sport machen MUSSTE. Es war keine freiwillige, intuitive Entscheidung mehr, sondern es gab nur ein „Entweder halte ich mich an meinem Plan und ziehe mein Training durch“ oder ich bin dem Gefühl unterworfen „schwach, wertlos und ein Versager zu sein“. Etwas dazwischen gab es bei mir nicht mehr.

Und JA: Dann habe ich versucht mich selbst zu verarschen und zu belügen und habe mir eingeredet, wie SEHR ich den Sport liebte und JA natürlich tat ich das auf einer verqueren Art und Weise – auch weil ich das Gefühl der Kontrolle liebte und das Gefühl des Kontrollverlustes hasste.

Ich verband mit Kontrolle Stärke und mit Kontrollverlust Schwäche.

Ich redete mir ein, dass ich den Sport liebte. Dass er mein Ausgleich ist und mir den Kopf frei machte und JA tatsächlich tat er das. Denn er befreite mich von all den Gedanken, die mir sagten wie schlecht ich bin, wenn ich es nicht tat.

Durch die ständige Kontrolle und dem Nähren des Teils in mir, der alles dafür tat, um das Gefühl der Wertlosigkeit nicht ausgesetzt zu sein, wurde genau dieser Teil immer stärker und stärker. Es ging sogar so weit, dass ich mich überlegen fühlte. Ich dachte, ich habe das Leben verstanden und jeder, der meinem Lebensstil nicht folgte, sollte keinen Platz mehr in meinem Leben haben. Ich richtete ALLES auf den Sport aus, und schließlich auch der Kontrolle und dem Versuch mich wertvoll zu fühlen. Diese tiefen Verknüpfungen, habe ich sehr lange in mir getragen. Verknüpfungen, die in meinem Unterbewusstsein so tief verankert waren, dass es keinen Platz für lockeres Training gab.

Das sind zwei völlig verschiedene Sprachen und vor allem völlig verschiedene Intentionen, um Sport zu treiben!

Wieso wir immer unser Unterbewusstsein miteinbeziehen müssen

Ich konnte nicht einfach so aufhören oder weniger machen, weil ich sofort den Gefühlen der Schwäche und des Versagens ausgesetzt war. Und genau diese Gefühle habe ich nicht ausgehalten. Wenn du dich also gerade an dem Punkt befindest, an dem du dich schlecht fühlst, wenn du keinen Sport machst und jetzt wieder Freude am Sport empfinden möchtest, muss ich dir leider sagen, dass es schwierig ist, weil du es auf einem Fundament des Selbsthasses setzen möchtest. Es sind immer die unterbewussten Punkte, die bestimmen, wie es uns mit einer bestimmten Sache geht. Genauso wenig können wir plötzlich einfach so Freude an einer gesunden Ernährung haben und einfach so emotionales essen und Fressanfälle loslassen, wenn wir nicht tiefer in die Gründe für unser Verhalten gehen.

Ich möchte dazu sagen, dass die unterbewussten Verknüpfungen sich heute bei dir auch genau andersrum anfühlen können. Es kann sein, dass du mit Sport schon früh Anstrengung und Scham verknüpft hast, weswegen du heute eine große Ablehnung gegen Sport aufgebaut hast und gar kein Sport machst. Wichtig ist, dass wir IMMER die unterbewussten Prozesse mit einbinden, wenn wir Dinge wirklich lösen wollen. Überprüfe dich also an dieser Stelle unbedingt selbst!

Im nächsten Artikel möchte ich mit dir über meinen Prozess sprechen, wie ich aus dem Sportzwang rausgekommen bin, um wie heute, wieder FREUDE damit verbinden zu können. Da das alles sehr komplexe Themen sind und ich das nicht einfach mit „5 Tipps wie du Spaß an Sport hast“ belegen kann, ist es mir wichtig, hier wirklich die Kontexte begreiflich zu machen, um dir nichts an die Hand zu geben, was sich dann doch wieder nur wie ein Kampf anfühlt. Wenn du dich aber an einem Punkt befindest, an dem du merkst, dass Sport für dich einfach mit Anstrengung und Kontrolle verbunden ist, kannst du dich einmal ganz bewusst fragen: Wann hat das Thema eigentlich bei dir begonnen? Was hast du für Erinnerungen mit dem Thema und für innere Überzeugungen? Schreibe gerne deine Gedanken hierzu auf!

Das ist unsere Basis, um die Kontrolle und den Selbsthass loszulassen – also die Analyse. Und jeder, der meine Arbeit kennt weiß auch, dass ich immer zuerst mit der Eigenbeobachtung und Analyse arbeite. Das ist der Grund, wieso jeder Heilungsweg individuell ist – du musst erst dich, dein Verhalten und deine Gründe verstehen, um auf dieser Ebene wirklich zu arbeiten und Veränderungen zu erzielen.

Aus diesem Grund wünsche ich dir ganz viel Freude beim Analysieren und ich freue mich auf den nächsten Artikel und darauf, basierend auf diesen Erkenntnissen davon zu berichten, wie ich die Verknüpfungen verändern konnte.