Ich möchte heute mit dir über das Thema Scham, Schutzprogramme und Selbstvorwürfe sprechen. Bei mir war das Thema in den letzten Wochen besonders präsent, weil ich beim 1:1 Coaching zwei ganz tolle Frauen betreut habe, die mit starken Schamgefühlen auf verschiedenen Ebenen zu kämpfen hatten, und mit sich selbst sehr schwer ins Gericht gegangen sind.

Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass sich hier viele Frauen angesprochen fühlen werden, weil wir das leider alle ständig tun. Wir schämen uns für die Dinge, bei denen wir denken nicht gut oder nicht perfekt zu sein, und bestrafen uns dann mit Selbstverurteilungen und Selbsthass. Oft ist diese Scham aber unter verschiedenen Schutzprogrammen und Mustern versteckt, die wir sehr häufig nicht mal selbst kennen.

Ich möchte dir in diesem Artikel eine ganz neue Perspektive auf die Themen Scham, Schutzprogramme und Selbstvorwürfe geben, und hoffe, dass du dann schon ein Stück weit anders mit deiner Scham und den damit verbundenen Selbstvorwürfen umgehen kannst.

Die Scham und der Selbsthass waren ständig präsent

Dafür möchte ich gerne bei mir anfangen, um das Thema anhand ein paar Beispiele etwas greifbarer für dich zu machen. Wenn ich zurückdenke, dann war das Thema Scham und Selbstverurteilung eigentlich mein ständiger Begleiter. Ich dachte bei allem, was ich machte, dass ich es nicht gut genug machen würde. Dass ich damals die verschiedensten Schutzprogramme aufgebaut hatte, um mit diesen Gefühlen der Scham und des Selbsthasses nicht in Kontakt zu kommen, war mir damals natürlich nicht bewusst.

So dachte ein Teil in mir, immer besser werden zu müssen, um den Ansprüchen anderer und natürlich auch meinen eigenen gerecht zu werden. Oder aber ich lief komplett vor Situationen weg, weil ich von Anfang an dachte (bewusst oder unbewusst), dem nicht gerecht werden zu können.

Ich möchte dafür ein paar Beispiele geben:

Ich beginne mal beim Thema Ernährung und Sport

Ich hatte hier das Gefühl einfach noch nicht perfekt genug zu sein. Wenn ich z.B. im Schwimmbad war, ging es mir furchtbar, weil ich mich unheimlich für meinen Körper schämte. Die Gedanken, dass mein Körper nicht so aussah, wie, in meinen Augen, andere wunderschöne Körper, lösten eine so große Scham in mir aus, dass ich täglich mit diesen Gefühlen konfrontiert war. Darum kämpfte ich so stark, um diese Gefühle endlich loszuwerden und perfekt zu werden. Das bedeutet: Ich habe mir immer wieder neue Diätziele gesteckt und einen noch besseren Trainingsplan geschrieben, oder doch noch mehr Ausdauertraining hinzugenommen. Dann war es mal das zusätzliche Training am Morgen auf nüchternem Magen oder die Umstellung auf die ketogene Ernährung. Habe ich dann aber meine Vorhaben nicht umsetzen können und habe beispielsweise verschlafen, war die Selbstverurteilung, der Selbsthass und natürlich auch die Scham kaum erträglich für mich.

Hier lief ich also weiterhin im Kreislauf der Selbstverurteilung, Scham und der Selbstkasteiung. Das ist ein nie endender Kreislauf, solange wir immer nur am Punkt Perfektionismus oder an der Schadensbegrenzung ansetzen, um die Gefühle wieder loszuwerden. Da es das Gefühl PERFEKT nicht gibt, kommen wir automatisch ständig mit den Gefühlen der Scham in Kontakt und das Spiel beginnt von vorne. Ich habe dabei sehr sehr lange nicht gesehen, dass ich vor allem vor dem Gefühl der Scham wegrannte.

Dann gab es aber auch Beispiele, in denen ich so tief integriert hatte, nicht gut genug zu sein, dass die Scham und die Angst zu versagen einfach so groß war, dass ich lieber gleich davonlief, indem ich Dinge und Situationen lieber von Anfang an ablehnte. So konnte es nicht passieren, dass ich dem Gefühl der Scham ausgesetzt war. Das waren Situationen, in denen ich schon öfter auf ähnliche Weise einen Kontrollverlust erlitten hatte. Diese Schutzstrategie der Flucht ist manchmal genauso schwer zu erkennen, wie die Schutzstrategie des Perfektionismus, weil wir hier meistens leider denken, dass das starke Charakterzüge von uns sind.

Um natürlich auch hier wieder ein Beispiel zu nennen:

Ich habe alles abgelehnt oder die Wichtigkeit runtergespielt, was auf intellektueller Ebene stattfand wie beispielsweise Projekte, Vorträge, Hausarbeiten, Klausuren usw. Ich habe sehr lange sehr stark von mir geglaubt, nicht so schlau wie andere zu sein. Einer Situation also ausgesetzt zu sein, in der andere genau DAS von mir dachten und ich es ihnen bestätigte oder natürlich auch mir selbst, machte mir so Angst, dass ich schlichtweg vor ihnen weglief. Deswegen nahm ich die Stellung ein, dass ich sowieso keine Lust auf die Schule oder Uni hatte und lachte die „Streber“ aus.

Dann gab es aber die noch weniger offensichtlichen Themen, die ich ablehnte, um nicht der Scham ausgesetzt zu sein, nicht gut genug zu sein. Das war z.B. die Liebe. Es gab Zeiten, in denen ich mich darüber lustig machte, wenn Paare liebevoll und süß miteinander umgingen. Ich behauptete von mir selbst, nicht romantisch zu sein und eher der lustige, lockere Kumpeltyp zu sein.

Das eigentliche Problem liegt im Ursprung der Scham

Man kann sehr viele interessante Schutzstrategien aufbauen, um nicht mit Gefühlen der Scham und des Gefühls der Minderwertigkeit in Kontakt zu kommen.

Jetzt gibt es noch ganz offensichtliche Gründe, sich schlecht zu fühlen, sich selbst zu verurteilen oder aber starken Selbsthass zu empfinden wie z.B., wenn wir einen Menschen sehr verletzt haben oder Situationen, in denen wir die Kontrolle verloren haben und Dinge getan haben, die wir nicht tun wollten. Was ich damit sagen möchte, ist, dass sich Scham auf verschiedensten Arten ausdrückt. Tief verwurzelt mit diesem Gefühl der Scham liegt immer das Gefühl, nicht gut zu sein.

Scham kann also nur entstehen, wenn wir denken falsch oder nicht richtig zu sein. Deswegen liegt hier eigentlich das Problem und nirgendwo anders. Es wird also Zeit, dass du lernst, dir selbst mit Mitgefühl zu begegnen und die ANGST hinter deiner Scham zu erkennen. Es wird Zeit, dass wir lernen uns selbst zu begegnen, um uns in der Tiefe zu lieben und anzunehmen.

Und genau deswegen möchte ich jetzt genau darauf eingehen, um dir eine neue Perspektive zu geben.

Beginnen wir mit meinem ersten Beispiel. Ich hatte versucht meinen Körper zu perfektionieren, weil ich dachte, eigentlich nicht gut genug zu sein. Wäre mein verletzter Anteil in mir nicht so stark gewesen, hätte ich diese Scham nie verspürt und hätte ich nie alle möglichen Maßnahmen ergreifen müssen, um mich wertvoller zu fühlen. Der Ursprung war also der verletzte Anteil und damit die Scham. Alles andere ist daraus entstanden.

Im zweiten Beispiel habe ich Dinge, Situationen und Menschen in meinem Leben abgelehnt, weil ich Angst hatte, einer Situation ausgesetzt zu sein, in der ich mich unwohl fühle, das Gefühl habe nicht gut genug zu sein und schließlich Scham verspüre. Der Ursprung ist also erneut die Scham. Die Liebe abzulehnen stand ebenfalls auf der tiefen Angst und dem Gefühl ausgesetzt zu sein, nicht genug zu sein und Scham zu empfinden.

Aus allen Scham und Angst Situationen sind im Endeffekt Schutzprogramme entstanden, um den Gefühlen nicht ausgesetzt zu sein

Wir kämpfen dann in den meisten Fällen GEGEN die Schutzprogramme und versuchen die Scham nicht zu empfinden. Dabei sehen wir nicht, dass die Scham unser Schlüssel ist, wenn wir beginnen, hinter die Scham zu blicken und zu erkennen, dass sie nur da ist, weil wir innerlich denken, nicht genug zu sein.

Wir haben nur ANGST vor der Scham, weil wir die Angst nicht annehmen wollen. Gleichzeitig blicken wir nicht hinter die Angst, um zu erkennen, dass dort nur ein tiefer alter verletzter Anteil ist, der denkt, nicht genug und nicht wertvoll zu sein. Wir dürfen wieder beginnen uns mit unserer Scham auseinanderzusetzen, statt einfach eine neue Schutzstrategie drüber zu legen. Irgendwann haben wir so viele Schichten von Verletzungen, Ängsten und Schutzstrategien aufeinandergelegt, dass wir gar nicht mehr sehen, was sich alles darunter verbirgt und wer wir in unserem Inneren und unserem Kern sind.

Die Scham, die wir empfinden, wenn wir denken, nicht genug zu sein, kann zu einem Schlüssel für uns werden, wenn wir verstehen, dass sie aus einem alten verletzen Anteil stammen, der immer noch geheilt werden möchte.

Schau dir also die Situationen an, in denen du Scham empfindest und Ängste hast. Schau dir die Situationen an, in denen du dir selbst Vorwürfe machst und darauf mit Scham reagierst. Was hast du immer noch in deinem Herzen, für das du dich schuldig fühlst und für das du dich selbst verurteilst? Kannst du erkennen, aus welchem verletzten Teil du gehandelt hast? Kannst du erkennen, dass die Scham, die du hier empfindest, nur ein Hilferuf ist, damit du erkennst, dass du dir selbst begegnen und dir Mitgefühl und Liebe schenken darfst, um den Teil in dir zu heilen? Kannst du erkennen, dass es nicht darum geht, gegen die Scham anzukämpfen, sondern sie nach und nach loszulassen?

Ich habe mich unfassbar viele Jahre für meine Schwäche bezüglich meiner Fressattacken geschämt, sodass ich mich selbst so stark dafür verurteilt habe. Bis ich angefangen habe zu erkennen, dass es nur meine Seele ist, die innerlich schreit. Der verletzte Anteil, der das Essen braucht, weil ich ihm noch nie die Aufmerksamkeit geschenkt habe, die ihm gebührt.

Wieso schämen wir uns also für Verletzlichkeit? Für alte gebrochene Herzen und Seelenwunden?

Glaub mir, alle kennen sie, doch geht jeder anders damit um. Auch die ganz starken Männer in ihren teuren Anzügen und Autos oder die starken Frauen, die andere runter machen. Hier wird Verletzlichkeit durch vermeintliche Stärke überspielt. Aber ist es nicht so viel stärker, wenn wir uns unserer Verletzlichkeit und unsere Scham hingeben, um die heilen lassen zu können? Ist es nicht so viel stärker, wenn wir aufhören, vor uns selbst weg zu laufen? Als ich angefangen habe, meine Verletzlichkeit zu fühlen, meine Scham da sein zu lassen und immer, wenn ich meine Scham gefühlt habe, alles da sein zu lassen, hat sich sehr viel in mir geändert.

Ich habe irgendwann aufgehört weg zu rennen und habe stattdessen angefangen zu FÜHLEN. Ich habe begonnen die Essstörung und die verbundene Scham zu akzeptieren und die Verletzung dahinter zu sehen. Ich habe angefangen zu erkennen, zu welchen Situationen ich Ablehnung aufgebaut habe, aufgrund von Angst und Scham, und habe stattdessen angefangen immer sanfter mit meinen alten Verletzungen umzugehen. So konnte ich nach und nach innerlich immer sanfter und ruhiger werden.

Ich möchte dich in diesem Artikel dazu ermutigen, darüber nachzudenken, für welche Punkte oder Situationen du dich schämst und was für ein verletzter Anteil dahinter liegt. Was hast du gemacht, was du heute gerne anders machen würdest? Und hättest du es wirklich anders machen können oder hast du aus deinem verletzten Teil gehandelt, der so stark ist, weil er schon sein Leben lang nach dir ruft.

Ich möchte, dass du dir vergibst. Dir mit Liebe begegnest, und deine Scham, Ängste und Schuldgefühle liebevoll beginnst, anzunehmen.

Ich hoffe ich konnte dir in diesem Artikel eine neue Sicht auf die vermeintlich unperfekten Anteile in dir geben. Auch konnte ich dir hoffentlich zeigen, dass es nicht darum geht, einfach perfekter zu werden, damit sie verschwinden – denn das würde niemals passieren. Deswegen wollen die starken Männer in den teuren Autos immer noch mehr und mehr Erfolg und Geld und die starken Frauen suchen sich immer neue Opfer. Deswegen werden wir nie den perfekten Körper erreichen, wenn wir endlich erkennen, dass das alles nur Schutzstrategien sind, immer in der Angst, mit den Teilen in uns in Kontakt zu kommen, die denken, nicht wertvoll zu sein!

Ich wünsche dir einen wunderschönen Sonntag!