Heute ist es endlich mal wieder soweit und ich habe für euch ein ganz sensibles, aber interessantes Thema vorbereitet. Hierfür musst du aber knallhart ehrlich zu dir sein. Es geht um die Opferrolle, in die wir uns so oft reinsetzen und die wir oft schon vor Jahren zu unserer eigenen Identifikation gemacht haben.

Wenn du bereit bist, knallhart ehrlich zu dir selbst zu sein, und du nach diesem Blog-Eintrag bereit bist eine neue Perspektive einzunehmen, kann sich sehr sehr viel in der Beziehung zu deiner Essstörung verändern. Und ganz wichtig, du kannst die ersten Schritte in Richtung „loslassen“ gehen.

Zurück an den Anfang

Lass uns dafür nochmal ein Schrittchen weiter zurück gehen. Ich möchte, dass du dich gedanklich zu dem Punk zurückbewegst, an dem du das Gefühl hast, das Thema hat hier seinen wirklichen Anfang gefunden. Oft ist es eine Verschmelzung verschiedener Zeiten und nicht so leicht zu sagen, wann die Essstörung wirklich begonnen hat. Wir können uns allerdings trotzdem gedanklich dahin zurückversetzen, an dem wir das Gefühl hatten, dass sich das Thema JETZT wirklich sehr tief in unserem Leben verankert hat. Hierbei geht es nicht um richtig oder falsch. Es geht vielmehr darum, dass uns die Situation drum herum bewusst wird.

Wir gehen also gedanklich und emotional zurück zu dem Punkt, an dem alles begonnen hat. Fühl mal für einen Moment in dich hinein. Wie ging es dir zu diesem Zeitpunkt? War sonst in deinem Leben alles ganz toll und warst du unglaublich glücklich? Mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht. Wenn du meine anderen Blog-Einträge gelesen und Podcasts schon gehört hast, dann hast du bestimmt auch schon so weit reflektiert und erkannt, dass du dich wahrscheinlich an einem Punkt befunden hast, an dem es dir nicht gut ging.

Oft befinden wir uns in einer Art Ohnmachtssituation. Das bedeutet, dass wir uns in einer Situation befinden, die wir nicht kontrollieren können. Das könnte eine Trennung gewesen sein, ein Verlust, Mobbing, Streit zwischen geliebten Menschen oder andere Dinge im Außen, über die du keine Macht hattest, sie zu verändern.

Wenn dir jetzt nicht sofort was einfallen sollte, ist das auch nicht schlimm, da es sich auch um verdrängte oder unterbewusste Themen handeln kann oder du kannst sie nicht mal als solche wahrnehmen. Solltest du meine alten Einträge oder Podcast Folgen noch nicht gelesen oder gehört haben und du willst dich tiefer mit diesen Themen beschäftigen, schaue dir unbedingt die Themen an, in denen ich sehr tief über blutende Seelenwunden und ähnliche Themen spreche.

Du hast einen Vertrag mit dir selbst geschlossen

Ich möchte an dieser Stelle nochmal betonen, dass es NICHT nötig ist, den genauen Ursprung zu kennen, um echte Heilung zu erfahren. Wir nutzen den Ursprung viel mehr als Unterstützung und als Brücke zum Heute um uns besser zu verstehen und erkennen zu können.

Aber halten wir nochmal zusammengefasst fest: Unsere Essstörung ist zu einem Zeitpunkt entstanden, an dem es dir nicht gut ging. Das Ganze kann begonnen haben mir einer anfänglichen, harmlosen Diät, dem Wunsch besser auszusehen, deinen Körper zu perfektionieren oder kann direkt über gegangen sein zu einem Essensdrang.

Das spielt auch erstmal gar nicht so eine große Rolle, denn mir geht es in diesem Artikel besonders darum, dich aus deiner Opferrolle rauszuholen und dich zurück zur Selbstermächtigung zu führen.

Du hast dich also damals alleine dafür entschieden, einen neuen Weg einzuschlagen. Damals war es dir wahrscheinlich nicht bewusst, aber es war deine Art und Weise mit der Situation besser klar zu kommen. Du hast dir selbst auf so vielen verschiedenen Arten geholfen denn dein System hat sich in einer Notsituation befunden. Du wusstest nicht besser damit umzugehen, als dir etwas im Außen zu schaffen, an dem du dich festhalten kannst.

Egal, welchen Weg du also damals gegangen bist: Fakt ist, dass du einen Vertrag mit dir selbst geschlossen hast, den es OHNE dich niemals gegeben hätte. In dem Vertrag stand nun also so etwas wie: „Ab jetzt esse ich keine Süßigkeiten mehr“ oder „ab jetzt mache ich jeden Tag Sport“ oder „ab jetzt werde ich eine tolle Figur bekommen“. Vielleicht hat aber auch dein Unterbewusstsein oder Nervensystem einen Vertrag abgeschlossen indem drinstand: „Wenn es mir schlecht geht, hilft Essen mir, dass es mir besser geht“. Zusammengefasst können wir also sagen, dass niemand anders, außer du selbst, einen Vertrag mit dir selbst aufgesetzt hat. Niemand hat sich hingesetzt, dir diesen Vertrag hingelegt und gesagt: „Ab jetzt ist das so und du hast dich daran zu halten“. Was ich dir damit sagen möchte ist: Du hast dir das Thema selbst auferlegt und nur DU hast damit die Macht und Kontrolle, damals sowie heute noch. Nur ist dir das nicht mehr bewusst, weil du den Vertrag nicht mehr verstehst. Denn du hast damals das Kleingedruckte nicht gelesen.

Doch der Vertrag ist eigentlich nicht das Problem

In dem Kleingedruckten steht, dass du vergessen wirst, dass du überhaupt einen Vertrag mit dir selbst geschlossen hast und dich kaum noch dran erinnern wirst, wie es vor diesem Vertragsabschluss war. Du hast von niemanden erklärt bekommen, was du tun musst, wenn du wieder aus dem Vertrag kommen möchtest, weil du ihn nicht mehr brauchst. Das bedeutet, du weißt nicht mal mehr, dass du einen Vertrag abgeschlossen hast und dementsprechend weißt du auch nicht, dass du diesen Vertrag wieder kündigen kannst. Selbst wenn du wieder an den Punkt kommen würdest, an dem du verstehst, dass es eine Möglichkeit gäbe, den Vertrag zu kündigen, würdest du es wahrscheinlich nicht tun, weil du damit deinen kompletten Halt verlieren würdest. Ein neuer Vertrag besteht bisher noch nicht, denn das wäre ein Vertrag mit DIR selbst und DEINER Innenwelt.

Lass uns dafür gerne nochmal die Metapher anderer Verträge aufnehmen. Stell dir vor, du lebst in einer Wohnung, die du überhaupt nicht magst und in der du dich überhaupt nicht wohl fühlst. Du kannst die Wohnung noch so schrecklich finden, du wirst wahrscheinlich trotzdem nicht kündigen, ohne eine Perspektive auf eine neue Wohnung zu haben. Du wirst lieber in dieser Wohnung bleiben, als obdachlos zu sein. Genauso kannst du es auf deine aktuelle Situation übertragen. Dazu kommt, dass du im Moment nur den Vertrag mit deiner Essstörung kennst, der dir damit den einzigen Halt gibt, den du wirklich kennst. Dadurch hast du angefangen dich mit ihr zu identifizieren. Egal, wie wenig du sie magst. Du hast momentan keine richtige andere Perspektive, weil du keinen anderen Weg kennst, der dir das gleiche oder was Besseres geben kann.

Jedoch liegt genau HIER das Problem. Das Problem ist das fehlende Wissen und der fehlende Weg. Nicht der Vertrag mit der Essstörung generell ist eigentlich das Problem und erst recht nicht die Essstörung! Ich glaube wir sind alle schon an den Punkt gekommen, an dem wir dachten: „So ab jetzt, gehe ich einen anderen Weg“. Doch leider ist der Weg weder richtig definiert, noch sind wir bereit die Kündigungsfrist einzuhalten und erstmal sauber zu machen. Wir wollen SOFORT den neuen Weg gehen. Und das kann nicht funktionieren.

Wir müssen das Fundament zuerst neu aufbauen

Gehen wir gedanklich zurück in unsere Wohnung, die wir nicht mögen…Selbst wenn wir jetzt beschließen zu kündigen, ohne zu wissen, wo es schließlich hin geht, können wir nicht einfach aus der Tür gehen, einfach alles hinter uns lassen und abhauen. Wir müssen unsere Kündigungsfrist einhalten. In dieser Zeit bereiten wir uns auf unseren neuen Weg vor. Wir packen unsere Sachen zusammen, wir reinigen die Wohnung, wir entrümpeln, wir streichen, wir machen sauber. Nach und nach machen wir die Wohnung leer. Wir haben in der Zeit, in der wir in dieser Wohnung gelebt haben, viele Möbel und Sachen angehäuft, die wir uns jetzt anschauen dürfen, bevor wir ausziehen. Je länger wir in dieser Wohnung gelebt haben, desto mehr gibt es wahrscheinlich zutun.

Übertragen wir das auf unseren Vertrag mit der Essstörung. Wir befinden uns vielleicht schon sehr viele Jahre in diesem Vertrag und in dieser Zeit haben wir sehr viele Themen angehäuft. Wir haben Gefühle verdrängt, wir haben Gewohnheiten etabliert, wir haben gelernt, dass Essen unser Nervensystem beruhigt, wir haben Verknüpfungen zwischen Essen und Emotionen aufgebaut. All das, gilt es, erstmal sauber zu machen. Das bedeutet, dass wir uns für einen neuen Weg entscheiden können aber nicht ohne Kündigungsfrist. Wir können nicht einfach aus dem Vertrag hüpfen aber wir können uns entscheiden zu kündigen und uns für einen neuen Weg entscheiden.

Genau deswegen ist es wichtig, dass wir erstmal unser altes Fundament zusammenbrechen lassen. Vorher können wir kein Neues aufbauen. Dafür würden wir nur neue Themen, in unsere alte Wohnung schleppen. Du kannst dich also jetzt für eine intuitive Ernährung entscheiden, aber solange du noch nicht gekündigt hast und in eine neue Wohnung einziehst, schleppst du höchstens neue Themen oder Gedanken mit in deine alte Wohnung. Um aber überhaupt in eine neue Wohnung ziehen zu können, muss uns also bewusst sein, dass wir aus unserer alten raus wollen, was dafür nötig ist und welchen neuen Vertrag wir abschließen. Und genau DA liegt unser Problem und der Grund, wieso wir das Gefühl haben, dass die Essstörung eigenständig ist und wir Opfer der Situation sind.

Die Essstörung bestimmt nicht dein Leben

Wir verstehen nicht mal mehr, dass WIR alleine diesen Vertrag geschlossen haben und dass WIR alleine auch jederzeit beschließen können, zu kündigen. Wir wissen nicht mal etwas von dem Vertrag, dementsprechend haben wir auch nicht das Gefühl, austreten zu können. Wir wissen also nicht, was dafür nötig ist und wir wissen nicht, wo wir stattdessen hinwollen. Und DA liegt das Problem! Unser Problem ist Unwissenheit und der falsche Umgang mit uns selbst und der Essstörung. Die Essstörung an sich ist nur so lange so mächtig und stark, bis wir begreifen, dass WIR ALLEINE die Beziehung verändern und beenden können.

Der aller erste und wichtigste Schritt dafür ist, raus aus der Opferrolle zu kommen. Nicht die Essstörung bestimmt dein Leben, sondern der fehlende Umgang mit ihr, den verknüpften Themen und schließlich mit dir selbst. Ich bitte dich also von Herzen, aus deiner Identifikation herauszukommen, dass DU deine Essstörung bist und keine Macht und Kraft hast, etwas zu verändern. Du wünscht dir, dass sich irgendwann etwas verändert und bleibst so in der Rolle, dass du weinst, jammerst, meckerst, dich beschwerst und die Essstörung verteufelst, anstatt die Augen dafür zu öffnen, dass nur DU alleine, etwas verändern kannst. Deine Essstörung hast du dir selbst auferlegt und du alleine kannst dich auch wieder lösen.

Jedoch funktioniert das nicht, solange du in deiner alten Wohnung bleibst, in der du dich nicht wohl fühlst und dich nur darüber beschwerst, dass es dir dort nicht gut geht. Erst an dem Punkt, an dem du es wirklich nicht mehr länger akzeptierst, dich dort nicht wohl zu fühlen und beschließt wirklich etwas, in eigener Verantwortung zu unternehmen, kann sich überhaupt etwas verändern und das wird niemand anders für dich tun. Deswegen bitte ich dich, aus der Opferrolle auszutreten, zu erkennen, dass nur DU die Entscheidung treffen kannst, wirklich etwas zu verändern, aber bitte höre auf gegen den Ausdruck der Essstörung anzukämpfen. Das bringt nämlich leider niemanden etwas, sondern stärkt einzig und allein die Identifikation, die du dir damit aufgebaut hast.

Auch wenn dieser Blog-Eintrag ein bisschen härter war und du sehr sehr ehrlich zu dir selbst sein musst, war mir sehr wichtig, dir Bewusstsein dafür zu geben, dass DU alleine entscheiden kannst, wie dein Leben weiter geht.

Ich wünsche dir das aller Beste und schicke dir ganz viel Kraft und Liebe. Wenn du Fragen hast, kannst du dich jederzeit bei mir melden.

Ich wünsche dir noch einen ganz tollen Sonntag <3