Hallo, ich bin Jackie, ich bin 29 Jahre alt und litt seit meinem 10ten Lebensjahr über 13 Jahre lang an den verschiedensten Formen von Essstörungen. Ich möchte mich dir heute nochmal in einer Form vorstellen, wie ich es vielleicht noch nicht getan habe.

Ich möchte dir in diesem Artikel erzählen, wer ich war und wer ich HEUTE bin. Ich möchte dir zeigen, wie meine Essstörung zu meinem größten Geschenk wurde, das ich je bekam. Ja, vielleicht klingt es gerade noch paradox für dich aber für mich war meine Essstörung der Schlüssel in ein freies und glückliches Leben. Also lasst uns beginnen, damit auch du verstehst, wie wir etwas vermeintlich Negatives kanalisieren können und für uns nutzen können.

Ohne dir jetzt von meinem kompletten Leidensweg zu berichten, möchte ich dich doch nochmal kurz in einer schnellen Version durch meine Geschichte nehmen. Mir ist das immer besonders wichtig, da ich weiß: Wenn ich es aus der Essstörung geschafft habe, schafft es JEDE!

Meine Geschichte

Nachdem ich mich schon in meiner Kindheit unwohl in meinem Körper fühlte, traf ich mit 10 Jahren den Entschluss abzunehmen. Da ich in diesen jungen Jahren schon damit begann Kalorientabellen zu studieren und mir den Wecker zu stellen, um früh joggen gehen zu können, nahm ich erfolgreich das erste Mal gut 10kg ab. Daraufhin folgten viele Jahre der Zu- und Abnahme, der neuen Diätversuche, des Hungerns, bis ich mir das erste Mal den Finger in den Hals steckte. Daraufhin folgten viele Jahre unzähliger Fressanfälle und in meinen Höchstzeiten kam ich auf locker 30-40 Attacken am Tag.

Es gab Phasen in meinem Leben, in denen ich neben der Schule nichts anderes tat, außer zu essen und zu erbrechen. ÜBERALL. Ich verschlang noch im Auto, nachdem ich den Supermarkt wieder geplündert hatte, große Mengen an Essen und übergab mich danach, irgendwo heimlich hinterm Auto. Ich übergab mich in dem Restaurant, das wir besuchten, versteckte mein Erbrochenes in Schüsseln unter meinem Bett und versuchte nach Außen hin immer mein Gesicht zu wahren und zu zeigen, dass alles mit mir in Ordnung ist. Doch wenn ich allein war, fiel ich übers Essen her wie ein wildes Tier. Es gab weder ein richtiges Hunger- noch Sättigungsgefühl. Es gab nur noch Essen und das am besten in riesigen Mengen. Tägliche Essanfälle bestimmten mein Leben. Endete es gerade nicht in einem Fressanfall, drehten sich meine Gedanken durchgehend ums Essen.

Der Versuch mit einem fanatischen Sportverhalten aus dem endlosen Kreislauf rauszukommen, funktionierte ganz gut, solange ich mich selbst verarschte. Zwar waren die Fressanfälle und die Gedanken ans Essen nie verschwunden, doch ich konnte mich so besser kontrollieren und es kam nicht mehr so häufig vor, da ich so sehr den perfekten Körper haben wollte, um endlich glücklich zu sein. Nachdem ich dann auf der Bühne stand und meinen braun angemalten Körper mit Punkten bewerten ließ, war ich jedoch immer noch nicht glücklich.

Irgendwann machte es KLICK bei mir, als ich verstand:

Ich hatte diese Essstörung zu einem Zeitpunkt in meinem Leben aufgebaut, an dem ich unglücklich war und versuchte über diesen Weg glücklich zu werden. Ich hatte also mein Unglücksein auf mein Unglücklichsein gesetzt. Natürlich konnte ich so nicht glücklich werden. Ich musste zu dem Punkt zurück, an dem ich mein Unglücklichsein einfach versucht hatte zu überdecken mit dem Versuch einen perfekten Körper zu bekommen. Ich musste zu dem Punkt zurück, an dem alles begonnen hatte, um zu verstehen, wieso ich so sehr gegen mich selbst kämpfte. Ich musste zu dem Punkt zurück, an dem Essen pures Lebensglück für mich wurde.

Wer bin ich heute?

Seitdem ich das verstanden habe und meine innere Reise begann, konnte ich nicht nur meine Essstörung loslassen, sondern auch mein komplettes Leben verändern. Heute habe ich eine komplett andere Beziehung zu mir selbst, meinem Körper und zum Leben. Ich möchte dir zeigen, wer ich heute bin, 5 Jahre nachdem ich meine Essstörung komplett losgelassen habe und dir damit zeigen, wieso meine Essstörung für mich das größte Geschenk ist, das ich je bekommen habe.

Ich möchte dafür mit meinem Essverhalten beginnen, weil dir die Frage wahrscheinlich am meisten auf der Seele brennt. Ist es möglich nach einer so langen Zeit der Essstörung komplett frei von dem Thema zu werden? Immer wieder hören wir Dinge wie: Hast du einmal eine Essstörung hast du immer eine. Du lernst nur mit ihr zu leben. Das ist absoluter Quatsch für mich und ich bin der lebende Beweis dafür. Fragst du mich heute, was ich noch von meiner Essstörung spüre, würde ich dir sagen: Vor allem die positiven Auswirkungen, denn ich bin heute so viel empfindsamer und bewusster im Umgang mit meinem Körper als wahrscheinlich 90% der Menschen.

Was möchte ich damit sagen?

Nimm dir mal 4 Leute aus deinem Bekanntenkreis und denke mal drüber nach, wie ihr Essverhalten aussieht. Meistens gibt es die Person, die sich eher ungesund ernährt. Wenn ich über Personen in meinem Freundes- und Familienkreis nachdenke, fallen mir viele Personen ein. Gesunde Ernährung ist für sie an der Tagesordnung, wenn sie mal wieder eine Diät machen, aber ansonsten gehört zu ihrer normalen Ernährung viele tierische Produkte, Süßigkeiten und Zucker- oder Aspartam Getränke. Abends auf dem Sofa gibt’s gerne Chips – übrigens, auch sie sind emotionale Esser, denn Essen macht ihnen überdurchschnittlich Freude und macht sie glücklich. Nimmst du ihnen die Chipstüte ab, werden sie wahrscheinlich nach einer Alternative suchen. Die meisten haben also eigentlich ein gestörtes Verhältnis zum Essen. Dafür müssen wir keine Bulimie oder Ähnliches haben.

Dann gibt es meistens die Person, die sehr akribisch auf ihre Ernährung achtet – vielleicht ist sie ständig auf Diät und verbietet sich alles Mögliche – aus Angst zuzunehmen oder vielleicht auch aus gesundheitlichen Gründen. Vielleicht verfolgt sie aber auch ein sportliches Ziel. Dann gibt es noch die Personen, die nach Außen hin ein normales Essverhalten haben und ihr anderes Essverhalten zuhause und allein ausleben. Diese Personen kennen wir natürlich oft nicht. Dann gibt’s vielleicht noch die Person, die sich gesund ernähren möchte, aber es doch irgendwie nicht hinbekommt und doch immer wieder bei Lebensmittel landet, die sie nicht mehr konsumieren wollte.

Wie sieht mein heutiges Essverhalten aus?

All das gibt es nicht mehr für mich. Hört sich komisch an. Ich weiß, aber Essen und meine Ernährung spielen heute keine große Rolle mehr für mich. Sie nehmen kaum Raum ein, weil es etwas so Natürliches für mich geworden ist und heute ist es besonders komisch für mich zu sehen, wie sehr wir das Natürlichste der Welt einfach so sehr verfälscht haben. Genauso wenig wie ich den ganzen Tag darüber nachdenke, wie und wann und ob ich auf Toilette gehe, genauso wenig denke ich noch darüber nach, wann, wo und wie ich esse. Es ist ein komplett natürlicher Vorgang für mich geworden und nimmt deswegen kaum noch gedanklichen Raum ein.

Ich gehe auf Toilette, wenn ich spüre, dass ich auf Toilette gehen muss und ich esse, wenn ich spüre, dass mein Körper etwas benötigt. Ich spüre, was er benötigt, weil er sehr klar mit mir kommuniziert und ich seine Sprache wieder blind verstehe. Das ist aber nicht etwas, was einfach so wieder da war, sondern dem durfte ich meine Aufmerksamkeit schenken, um genau das wieder zu erlernen, weil wir meist so so weit von unserer Intuition weg sind.

Stell dir das in etwa so vor: Du kennst heute ganz genau das Gefühl, wenn du auf Toilette musst. Dein Körper sendet dir eine Botschaft und du weißt genau, was sie bedeutet. Unser heutiges Essverhalten gleicht aber eher einer Blasenentzündung. Ja, ein lustiger Vergleich aber ein, wie ich finde, sehr greifbarer Vergleich. Wenn du schonmal eine Blasenentzündung hattest, wirst du wissen, dass du das Gefühl hast, ständig auf Toilette zu müssen, ohne wirklich zu müssen. Wir haben also das Signal „ich muss auf Toilette“ mit einem Gefühl verknüpft. Bekommen wir nun das Signal, denken wir, dass wir auf Toilette müssen. Dass das Signal gerade falsch ist, ändert nichts an unserem Gefühl auf Toilette zu müssen.

Genauso haben wir unser Essverhalten heute in den meisten Fällen falsch verknüpft. Es ändert aber nichts daran, dass wir wirklich denken, etwas essen zu müssen und diese Verknüpfung ist häufig verbunden mit zuckerhaltigen oder sehr fettreichen Lebensmitteln, da sie am meisten dafür sorgen, dass Glücksgefühle ausgeschüttet werden. Ich will da gar nicht zu tief drauf eingehen, aber was ich dir damit sagen möchte: Die 4 Personen, die ich dir vorhin beschrieben haben, haben nicht die Sprache ihres Körpers erlernt und nicht den Zugang zu ihrer Intuition aufgebaut und gestärkt, denn dann brauchen wir all das nicht. Die Essstörung betrifft also fast Jeden, auch wenn wir sie im Duden, anders deklariert bekommen. Mit einer natürlichen Ernährung hat das alles trotzdem nichts mehr zutun.

Um zu mir zurückzukommen. Essen ist heute das natürlichste der Welt für mich. Es bekommt gedanklich wenig Raum. Ich esse, wenn ich hungrig bin und natürlich denke ich auch gerne mal mit meinem Freund darüber nach, was wir Leckeres essen können, aber es löst schon sehr sehr lange keine Glücksgefühle in mir aus. Früher war Essen pures Glück für mich und heute kann ich es immer noch natürlich genießen aber ohne Sog, Drang oder dem Gefühl von überschwänglichem Glück.

Lass uns das gerne für einen Moment vergleichen mit etwas Schönem, das dir Freude macht und dass du genießen kannst. Nehmen wir einfach mal einen Spaziergang in der Natur. Du wirst nicht durch den Wald rennen, um möglichst viel zu sehen sondern du kannst einfach die Ruhe und das Hier und Jetzt genießen. Genauso ist es heute bei meinem Essverhalten. Während ich früher noch während dem Essen daran gedacht habe, was ich noch essen kann oder geschlungen habe oder Gedanken an Kalorien im Kopf hatte, kann ich heute einfach genießen. Zwanglos und ruhig. Einer der natürlichsten Dinge der Welt.

Grundsätzlich gibt es keine Regeln oder Zwänge mehr bei mir, sondern ich wähle mein Essen rein nach meinem Körperempfinden aus. Sprich, ich lese nicht mehr in Büchern nach, was mir guttut, sondern ich fühle in mich hinein. So weiß ich ganz klar, dass tierische Produkte mich müde und platt machen und oft zu Bauchschmerzen führen, und ein grüner Smoothie sich leicht anfühlt und mir gleichzeitig Energie gibt. Genauso wähle ich heute die Lebensmittel aus, die mir guttun. Heute erscheint es mir paradox, dass wir nicht mit unserem Körper kommunizieren, um zu verstehen, was uns guttut und was nicht, und denken, dass wir jemanden brauchen, der uns sagt, was wir brauchen.

Natürlich ging all das früher nicht, weil Essen ja verknüpft war mit 1000 Emotionen, die ich zuvor erst lösen durfte. Ich denke eigentlich, dass jeder das tun dürfte, damit Essen wieder Nahrung für uns wird und keine Befriedigung von Bedürfnissen, die wir uns nicht geben dürfen. Das meine ich damit, dass das Thema fast jeder hat. So kann das Natürlichste der Welt auch endlich wieder das Natürlichste der Welt für UNS werden. Ich möchte hier nochmal betonen, dass ich NIEMALS gedacht hätte, dass dieser Punkt und diese Beziehung zum Essen möglich sind. Essen und die Gedanken daran waren 24 Stunden am Tag für mich präsent. Ich habe mich beim Einschlafen schon aufs Frühstück gefreut und mich während des Essens schon gefragt, wann und was ich als nächstes essen kann.

Also ja: Eine natürliche und gesunde Beziehung zum Essen ist möglich. Selbst nach der krassesten Essstörung über viele viele Jahre hinweg.

Was war früher anders?

Früher wusste ich eigentlich überhaupt nicht, was es bedeutet, mit seinem Körper verbunden zu sein. Ich habe eigentlich kaum seine Sprache verstanden und in den meisten Fällen Signale erst wahrgenommen, wenn es eigentlich schon zu spät war. Wenn ich entweder schon Schmerzen hatte oder natürlich auch schon zu satt war und dachte, Hunger drückt sich nur in einem Magenknurren aus.

Es war so, als wenn ich ein Baby hätte und seine einzelnen Reaktionen, Blicke und Gesten niemals gelernt hätte. Es war so, als wenn ich nur hingeguckt hätte, wenn es schreit und es sonst links liegen gelassen hätte.

Ich habe mich niemals um meinen Körper gekümmert, nicht gefühlt, nicht verstanden, nicht wahrgenommen, was er mir sagt und wie er mit mir kommuniziert.

Mir ist dadurch eine ganze Welt verborgen geblieben und natürlich habe ich mich allein aus diesem Aspekt rastlos gefühlt. Es ist als wären wir obdachlos in unserem eigenen Körper.

Ich weiß, dass ich ohne meine Essstörung diesen Punkt mit großer Wahrscheinlichkeit nie erreicht hätte, denn ich bin ja mit voller Power auf dieses Thema gestoßen.

Ich möchte an dieser Stelle eine kleine Übung mit dir machen. Drück vielleicht mal kurz auf Pause und schließe mal deine Augen.

Wie geht’s dir gerade?
Wie fühlt sich dein Körper an?
Was spürst du genau?
Fühl mal in deinen Bauch hinein.
In deinen Magen.
Deinen Darm.
Kennst du richtig die Unterschiede?
Wie fühlt sich dein Mund an?
Ist er trocken? Wie ist dein Speichelfluss?

Nimmst du all diese Dinge noch wahr? Ich habe es auf jeden Fall nicht mehr oder es vorher wahrscheinlich noch nie getan. Vielleicht als Baby war mir noch bewusst, allerdings habe ich diese Verbindung irgendwann verloren, weil ich es zum einen nie gelernt habe und zum anderen 1000 andere Verknüpfungen aufgebaut habe, die nichts mehr mit der Wahrheit zutun hatten.

Zusammenfassend kann ich also sagen, dass meine Essstörung mich nah zu mir und meinem Körper gebracht hat und so zu einer Verbindung geführt hat, die ich zuvor nicht kannte und wahrscheinlich so auch nie kennen gelernt hätte.

Ich bin in mir Zuhause angekommen und renne nicht mehr rastlos durchs Leben. Wir dürfen uns also wieder und wieder daran erinnern, dass eine Essstörung unendlich viel Potential in sich verbirgt, echte Verbundenheit und Fülle aufzubauen.

Ich habe jetzt in dieser Folge vorallem über die körperlichen Themen gesprochen und um die Folge nicht zu sprengen, möchte ich zu einem anderen Zeitpunkt über die mentalen und emotionalen Veränderungen sprechen, die mir meine Essstörung gegeben hat.

Ich hoffe ich konnte dir mit diesem Artikel die Hoffnung und Zuversicht schenken, dass auch du einen Punkt erreichen kannst, an dem du die Zwänge, die Kontrolle und die Süchte ablegen kannst und dafür eine echte Verbindung mit dir aufbauen kannst.

Alles ist möglich und alles liegt in deiner Verantwortung. Denk immer daran: Du allein hast dir das Thema aufgebaut und du alleine kannst auch dieses Thema wieder loslassen. Aber nicht im Kampf sondern in Liebe, Selbstfürsorge und Verbundenheit.