Es ist noch gar nicht lange her, dass für mich tägliches Training, Reis, Pute und Brokkoli an der Tagesordnung standen. Meine Gedanken kreisten nur um die nächste Mahlzeit, ob ich meine Makros schon gedeckt hatte, wie viele Kohlenhydrate ich noch essen durfte, wie das Training aussehen sollte und wann genau ich dieses absolvieren würde.

Für manche hört sich das vielleicht unverständlich an, aber genauso ist es, wenn dich der „Fitnesslifestyle“ mitreißt.

Ich war zu der Zeit noch in einer festen Beziehung, die neben meiner eigenen Psyche sehr unter diesem Fitnesswahn gelitten hat…sonntags einfach mal das Training ausfallen lassen? Eis essen gehen bei Sonnenschein? Urlaub machen ohne hoteleigenes Gym?

Für mich war das vollkommen ausgeschlossen. Aber nicht nur das! Ich entwickelte ein völliges Unverständnis für alle Menschen, die nicht diesen Lifestyle lebten. Das Allerschlimmste an dieser Lebensweise ist aber, dass man im ständigen Kampf steht und NIEMALS mit sich selber zufrieden ist.

Das Streben nach Perfektion bestimmte meinen Alltag

Nachdem ich diesen krassen Lifestyle 2 Jahre lang lebte, kam ich auf die tolle Idee, an Wettkämpfen teilzunehmen und riss mich damit komplett aus meinem sozialen Umfeld heraus. Jetzt begleitete mich neben täglich hartem Krafttraining und 60 Minuten Cardio noch eine komplett kohlenhydratfreie Ernährung. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen, dass ich neben diesem Leben keine Lust auf andere Dinge hatte, geschweige denn Kraft und Energie in die Arbeit stecken konnte oder Interesse daran hatte, Freunde zu treffen – was sowieso schwierig war, da man eigentlich keine “normale” Dinge mehr unternehmen kann.

Als ich dann endlich den Wettkampf hinter mich gebracht und meinen Plastikpokal kassiert hatte, stand ich nun da. Zuletzt befand ich mich bei 500 Kcal täglich. Durch die Entwässerung hatte ich in der letzten Woche 5 kg abgenommen. Selbstverständlich sah ich nach der Fressanfall-Eskalation am nächsten Tag aus, wie ein völlig anderer Mensch. Wow, mein ausgehungerter Körper bekam endlich wieder etwas zu essen und freute sich zusätzlich über Wasser, was ich ihm gute 2 Tage vorenthielt. Na das wollte er natürlich nicht mehr hergeben.

Und dann schlug mein Körper zurück

Fast jede Wettkampfathletin nimmt sich nach dem Wettkampf vor, ein oder zweimal zu eskalieren und dann wieder in ein normales Essverhalten zurückzufinden. Gute Gedanken, jedoch kaum nahezu unmöglich das Ganze umzusetzen. Durchschnittlich 4 Monate erhält dein Körper nicht mehr die Nährstoffe, die er eigentlich benötigt. Danach ist er so ausgehungert, dass du nicht mehr aufhören kannst zu essen und einfach kein Sättigungsgefühl verspürst.

Ich bin nach dem Wettkampf für gut 300 Euro Süßigkeiten einkaufen gegangen. Ich versuchte natürlich trotzdem wieder in einen normalen Rhythmus reinzukommen und kam im Alltag, wenn ich es denn schaffte keinen Fressanfall zu haben, auf gut 1300 Kcal. Leider hatte die fast 5-monatige, ketogene Ernährung zufolge, dass mein Stoffwechsel völlig kaputt war.

Innerhalb kürzester Zeit nahm ich gute 8 Kilogramm zu und psychisch ging es mir schlechter denn je. Damals, als ich einfach noch mehr auf den Hüften hatte, resultierten die überschüssigen Kilos aus einer dauerhaft schlechten Ernährung, zu viel Alkohol und zu wenig Bewegung. Nach dem Wettkampf wiederum gerät man in eine vollkommen verzerrte Vorstellung eines Traumkörpers und jedes Kilogramm mehr ist plötzlich zu viel.

Das Schlimmste war die Erkenntnis für mich, dass ich erst meinen Stoffwechsel wieder richtig zum Laufen kriegen musste und deswegen noch mehr zunehmen musste, um später wieder abnehmen zu können. Neben meiner Psyche litt ebenfalls mein Verdauungstrakt. Ich brauchte lediglich eine Kleinigkeit zu essen, da blähte sich mein Bauch so extrem auf, dass ich nicht nur wahnsinnige Schmerzen hatte, sondern auch aussah, als sei ich im sechsten Monat schwanger.

Jedoch musste ich diese Erfahrung machen, denn…

Für mich war diese Zeit unglaublich wichtig, um herauszufinden, was ich wirklich möchte:

Ich brauche nicht 365 Tage im Jahr ein Sixpack, sondern einen gesunden Körper und eine ausgewogene Ernährung, Spaß an Bewegung und Training, ein wertvolles soziales Leben und einen mich erfüllenden Job.

Die Energie, die mir damals durch das Training und dem Kaloriendefizit verloren ging, nutze ich heute viel lieber, um mir nachhaltige Ziele zu erfüllen.

Ein perfekter Körper ist nämlich vergänglich und lediglich eine äußere Hülle. Irgendwann wachen wir auf und sehen, dass wir uns ein Luftschloss aufgebaut haben, sehr viel Lebensqualität verschenken und dabei im Endeffekt niemals unser Glück finden werden – auch wenn wir uns das viel zu gerne und oft einreden…