Ich möchte heute einen weiteren Punkt ansprechen, der auf dem Weg zur inneren Heilung so so wichtig ist. In einem anderen Beitrag und auch in meinem Podcast habe ich bereits über das Thema des geliebten und ungeliebtes Kindes gesprochen.

Unser Wesenskern ist unglaublich sensibel und komplex. Gerade in den ersten Jahren unseres Lebens nehmen wir beinahe alles ungefiltert auf und unsere Umwelt hat einen erheblichen Einfluss darauf, zu welchem Menschen wir uns entwickeln.

Werden wir zum Beispiel in eine Welt hineingeboren, in der es keine oder nur wenig emotionale Sicherheit gibt, wird unser Leben oftmals zu einem inneren Kampf, weil wir unterbewusst stets mangelnde Sicherheit empfinden.

Was dann später häufig passiert, bewusst oder auch unbewusst, ist, dass wir die Schuld unseren Eltern geben. Die Schuld für die Tatsache, dass uns heute bestimmte tiefe Themen beschäftigen und stetig begleiten. Solange aber diese Wut, Abneigung und die ganzen Vorwürfe gegenüber unseren Eltern im Raum stehen, ist es für uns selbst kaum möglich, inneren Frieden zu finden. Wir können uns noch so sehr einreden, dass wir mit diesen Themen abgeschlossen haben – unterbewusst werden sie uns immer wieder beschäftigen, so wie jede andere Seelenwunde auch. Wir können uns nicht einfach von unseren Wurzeln trennen.

An erster Stelle müssen wir verstehen, dass unsere Eltern womöglich dieselben Seelenwunden mit uns teilen. Auch sie haben wie jeder Andere mit der Struktur des inneren, verlassenen Kindes und der des inneren, konditionierten Kindes zu tun. Auch sie wurden in eine Familie hineingeboren, die ihnen bestimmte Dinge gezeigt und für ihr Leben mitgegeben haben.

Häufig bleiben wir einfach in der Opferrolle hängen. Wir verstehen nicht, dass unsere Eltern keine bösen Menschen sind und uns nicht mit Absicht weh tun wollen, sondern, dass auch sie oft unbewusst handelnde Menschen sind, die genauso manchmal einfach aus Schmerz handeln. Denn kein Mensch auf der Welt handelt auf böse Art und Weise, wenn er mit sich und der Welt zufrieden ist und keine tiefen, inneren Verletzungen in sich trägt. Wir müssen also verstehen, dass jede böswillige oder ungerechte Handlung unserer Eltern irgendwo aus einem Schmerz heraus entstanden ist. Aus einem unbewussten Schmerz.

Allein dieses Bewusstsein kann dir schon dabei helfen, Mitgefühl zu entwickeln und es kann sein, dass deine innere Wut sich beginnt zu lösen.

Du solltest dich jedoch nicht dazu zwingen, deinen Eltern zu verzeihen. Es gibt sehr viele Bücher und sogar Seminare, die dir dabei helfen sollen, das zu tun. Allerdings ist Verzeihen nichts, was du TUN musst, denn es passiert automatisch durch deine innere Heilung. Sobald du das Gefühl hast, dass du ihnen verzeihen MUSST, wird wieder der Teil in dir aktiv, der alles unter Kontrolle haben möchte – also dein inneres, konditioniertes Kind. Somit ist es ein schmaler Grat zwischen einem wirklichen WOLLEN und einem Gefühl des MÜSSENS.

Was ich damit sagen möchte, ist, dass du dich voll und ganz auf dich konzentrieren solltest. Dadurch wird sich deine Wut nach und nach lösen. Die eigentliche Heilung passiert also auf dem Weg zu deinem inneren Frieden.

Ein Grund, wieso wir überhaupt so eine Wut empfinden, ist der, dass wir denken, dass unsere Eltern an bestimmten Punkten Schuld seien, wie zum Beispiel an unserem mangelnden Selbstwertgefühl, an unserer Beziehungsunfähigkeit, an unseren Selbstzweifeln oder auch an unserer Unselbstständigkeit.

Häufig ist uns nicht einmal das bewusst, weil es unterbewusste Prozesse sind. Wenn unsere Eltern uns zum Beispiel das Gefühl gegeben haben, wir wären nicht gut genug und wir dadurch in unserem Leben immer wieder mit Selbstzweifeln zu kämpfen haben, wissen wir unterbewusst immer, dass uns unsere Eltern diese Last mitgaben. Unterbewusst werden wir ihnen somit stets die Schuld dafür geben. Ob wir uns das nun bewusst in den Verstand rufen oder eben nicht.

Wenn wir also im ersten Schritt das Bewusstsein und das Mitgefühl dafür bekommen, wieso unsere Eltern sich so verhalten haben, können wir im zweiten Schritt wieder die Verantwortung für unser Leben übernehmen.

Das bedeutet, solange wir unseren Eltern die Schuld für unsere heutigen Lasten oder auch Charakterschwächen geben, ist es beinahe unmöglich, ihnen auf tiefer Ebene zu verzeihen. Es ist also an der Zeit echte Verantwortung für unser Leben zu übernehmen. Und erst da kann echte Heilung und echtes Verzeihen beginnen.

Denn wenn wir einfach Übungen machen würden, die uns dabei helfen sollen unseren Eltern zu verzeihen, wird das Ganze automatisch zu einem MÜSSEN und wir denken wieder, dass der Teil in uns, der zutiefst verletzt ist, nicht in Ordnung sei.

Und genau das ist doch immer passiert. Wir hatten stets das Gefühl, dass dieser verletzte Teil nicht okay ist. Dabei ist es vollkommen in Ordnung, dass es ihn gibt! Und wir dürfen voll und ganz dafür einstehen. Das bedeutet also nicht, dass wir gegen ihn ankämpfen, sondern dass wir diesem Teil bewusst Raum geben.

Und da sind wir an einem Punkt, der sich anfangs für Einige paradox anhören mag. Denn das Verzeihen ist unglaublich wichtig auf unserem Weg zur inneren Heilung. Wenn wir uns jedoch dazu zwingen, entfernen wir uns nur noch weiter von uns selbst.

Echtes Verzeihen kann also nur dann passieren, wenn wir die Wut auflösen, die damit verbunden ist. Und das können wir tun, indem wir damit aufhören, unseren Eltern die Schuld an Punkten in unserem Leben zu geben, die uns belasten.

Wenn wir also diese Punkte lösen, löst sich die Wut automatisch mit und wir können verzeihen, OHNE dass wir uns dazu zwingen. Es passiert durch die eigene innere Heilung. Wenn wir also beispielsweise tief mit unseren Selbstzweifeln arbeiten und sie sich nach und nach lösen, können wir irgendwann auch unseren Eltern die Tatsache verzeihen, dass wir diese Selbstzweifel ursprünglich durch sie aufgebaut haben.

Verzeihen beginnt also mit der Bearbeitung unserer Seelenwunden. Mit unserer tiefen, inneren Arbeit. Alles andere passiert quasi automatisch und gehört zu unserem inneren Prozess dazu.

Kommunikation kann auch sehr heilend sein, sobald du dich bereit dazu fühlst. Also wirklich bereit! So, dass du ohne Wut oder Vorwürfe in das Gespräch gehen kannst.

Du kannst deine Eltern grundsätzlich als deine größten Lehrer betrachten. Denn durch sie kannst du sehr viel hinsichtlich dessen lernen, was bei dir innerlich noch geheilt werden möchte. Denke deshalb ruhig mal darüber nach, in welchen Momenten deine Eltern dich triggern. Wann reagierst du empfindlich? Wann bist du sauer auf sie? Fang an dich zu beobachten und versuche zu verstehen, welche Wunden hier aktiv sind.

So kannst du das Blatt drehen und für dich und deine innere Heilung nutzen. So kannst du nach und nach wirklich Veränderungen erzielen, anstatt dich selber in die Opferrolle zu drängen. Denn in diesem ewigen Kreislauf befinden sich die meisten! Und so lange das so ist, wirst nur niemals inneren Frieden finden und stets etwas brauchen, das dir deinen inneren Schmerz nehmen kann – zum Beispiel Essen, die emotionale Abhängigkeit in einer Beziehung oder vielleicht auch das zwanghafte Sporttreiben. Irgendetwas, dass dir ein Gefühl der Kontrolle verschaffen kann und dich von den Punkten ablenkt, über die du scheinbar keine Kontrolle erlangen kannst.

Ich hoffe ich konnte dir in diesem Beitrag etwas mehr verdeutlichen, was Vergebung wirklich bedeutet und wieso sie so wichtig ist, um inneren Frieden zu erlangen.

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