Ich möchte heute mit euch über ein sehr tiefes Thema sprechen, das wahrscheinlich so so viele betrifft. Die Wenigsten wissen jedoch davon.

Es geht um Entwicklungstraumata.

Wenn wir Trauma hören, verbinden wir das meistens direkt mit einem schlimmen traumatischen Erlebnis wie zum Beispiel Missbrauch, einem Unfall oder generell einem dramatischen Schicksalsschlag.

Jedoch gibt es auch das Entwicklungstrauma. Das entsteht nicht direkt durch ein bestimmtes Ereignis, sondern baut sich nach und nach durch viele kleine Verletzungen in unserer Kindheit auf. Wir sind eine kollektiv bindungstraumatisierte Gesellschaft, um es genau auszudrücken.

Natürlich gibt es hier verschiedene „Schweregrade“, worauf ich später noch eingehen werde, aber zuerst möchte ich, dass ihr versteht, was grundsätzlich bei einem Trauma – egal um welche Form es sich handelt – in unserem Körper passiert und wie es entsteht.

Evolutionär bedingt reagiert unser Körper immer noch so auf Gefahr, als wenn beispielsweise ein Säbelzahntiger vor uns stünde. Das bedeutet, dass unser Körper in dem Moment, in dem für uns scheinbare Gefahr herrscht, in eine Art Ausnahmezustand geht. Er mobilisiert all seine Kräfte, um der Gefahr begegnen zu können.

Unter anderem werden dabei Hormone wie zum Beispiel Adrenalin ausgeschüttet. Das lässt unser Nervensystem extrem hochfahren. Durch die Ausschüttung dieser Stoffe beginnt unser Herz zu rasen, unser Blutdruck steigt an und unsere Atmung wird flach und schnell. Das ist eigentlich dafür gedacht, dass wir in solch einem Moment anfangen könnten zu kämpfen oder die Flucht zu ergreifen.

Wenn unser Organismus das Gefühl hat, er müsse ums Überleben kämpfen, passieren automatisch bestimmte Vorgänge in unserem Leben. So wird zum Beispiel der Teil unseres Gehirns aktiv, das uns vor dem übermäßigen Denken schützen möchte – unser Reptiliengehirn. Das bedeutet, dass unsere Instinkte ab hier größtenteils das Steuer übernehmen.

Wenn wir uns zum Beispiel in unserer Kindheit in einer Situation befanden, die für uns eine Gefahr bedeutete, konnten wir weder kämpfen noch fliehen.
In diesem Fall gibt es noch eine dritte Reaktion unseres Reptiliengehirns: Die Erstarrung. In diesem Fall die Erstarrung unseres Nervensystems.

Es kann zum Beispiel sein, dass du als Kind lange schreien musstest und die emotionale Nähe und Verbindung zu deinen Bezugspersonen sehr gering war. Und da du als Kind nicht alleine überlebensfähig bist, könnte das für dich schon Lebensgefahr bedeutet haben.

Wusstest du, dass in vielen Kulturen Babys mindestens ein Jahr beinahe dauerhaft am Körper der Mutter sind? Außer in der modernen westlichen Kultur. Da wird uns teilweise sogar erzählt, man solle Babys absichtlich schreien lassen…

Wenn es dann aber so ist, dass der kleine Organismus meint in Lebensgefahr zu schweben und in eine Art Erstarrung fällt, dann kann der Stress, der in dieser Situation entstanden ist, kaum abgebaut werden. Das bedeutet, dass der hohe Stresspegel, der vor der Erstarrung vorhanden war, sozusagen im Nervensystem gespeichert wird. Und unser Nervensystem gewöhnt sich dann an diesen dauerhaft hohen Stresspegel.

Es kann gut sein, dass du dich an solche Ereignisse nicht erinnerst. Das ist völlig normal, denn unser Körper bzw. unser Unterbewusstsein schützt uns davor und trennt uns davon ab. Wenn es in sehr jungen Jahren passiert ist, dann war dein kognitives Erinnerungsvermögen in der Regel ohnehin noch nicht ausgebildet.

Es kann auch passieren, dass du dich zwar daran erinnern kannst, aber nichts dabei empfindest. Dann hat dein Körper dich auf emotionaler Ebene davon abgetrennt. Das nennt man auch Dissoziation.

Diese Dissoziation kann zum Beispiel auf Dauer zu einem unserer Schutzprogramme werden, worüber ich in anderen Beiträgen schon mal gesprochen habe.

Jedenfalls kann es gut sein, dass der Körper sich immer noch in einem sehr erregten Zustand befindet und es ihm nicht gelingt, diese Spannung loszuwerden. Diese Übererregung des Nervensystems versuchen wir dann dauerhaft zu regulieren. Durch Kompensationen oder auch Depressionen, Ängsten, körperlichen Schmerzen…

Und genau deswegen BRAUCHEN wir dann das Essen. Als Kompensation.

Bei einem komplett freien Menschen kann man sich den Wesenskern hell vorstellen. Da die Außenwelt immer die Innenwelt wiederspiegelt, ist es sehr wahrscheinlich so, dass die Außenwelt auch hell ist. In der Regel gibt es ein paar alte Verletzungen, die sich im Inneren des Wesenskernes widerspiegeln. Die könnt ihr euch wie schwarze Punkte vorstellen. Diese wiederum finden wir dann auch in der Außenwelt wieder.

Bei solch einem hellen Wesenskern existiert eine stabile Grenze zur Außenwelt. In diesem Fall können wir klar kommunizieren, was wir wollen und was nicht. Wenn wir ein Leiden im Außen erfahren, erleben wir das eher als etwas von uns Getrenntes und das „Ich-Gefühl“ wird dadurch nicht berührt.

Bei einer Person mit einem Entwicklungstrauma existiert diese Grenze nicht und es konnte sich kein heller Wesenskern entwickeln.

Hier ist der Wesenskern dunkel und genau das spiegelt sich auch in der Außenwelt wieder bzw. erlebt diese Person die Welt um sich herum auch so. Hier ist also der innerste Kern betroffen und es kann keine klare Grenze zu den Dingen gezogen werden, die im Außen passieren.

Es gibt dabei verschiedene Formen der Dunkelheit. Bei Personen, die in der Kindheit vielleicht gar keinen sicheren Halt hatten, kann die Innenwelt sehr dunkel sein. Sprich, wenn zum Beispiel die Beziehung zu einer Bezugsperson katastrophal war.

Hier hat sich das Nervensystem dann unter diesem Stresspensum entwickelt. Das bedeutet, dass wir gestaute, festgefrorene Energie in unserem Körper haben, die dafür sorgt, dass unser Nervensystem immer wieder und schon in den kleinsten Stresssituationen hochfährt. Diese innere Spannung ist dann häufig mit dem Gefühl verbunden, nicht gut genug zu sein. Wenn das in bestimmten Situationen bestätigt wird, fährt das ganze System nach oben und erzeugt eine oft unerträgliche Spannung.

Was ist die Lösung? – Die Aufarbeitung der Themen, wieso wir uns nicht genau so gut fühlen können, wie wir sind. Die Abtrennung dieser Gedanken aber auch die Regulierung des Nervensystems. Denn genau das muss lernen, dass es in Sicherheit ist. Und was wir dafür tun, ist Folgendes:

Wir setzen an den lichtvollen Inseln an und weiten diese aus. Deswegen ist es so wichtig, dass wir uns auf die vielen positiven Punkte konzentrieren und immer mehr dafür tun, um wieder Licht und Vertrauen in unser Inneres zu bringen.

Das Nervensystem braucht neue und positive Erfahrungen und darf erkennen, dass du sicher bist. Jedes Mal wenn es das sieht, werden die Inseln ein Stückchen größer. Und je größer sie werden, desto mehr positive Verbindungen können wir schaffen. Das Schöne ist, dass die neuen Erfahrungen stets kraftvoller sind als die Alten, da sie im Hier und Jetzt passieren. Sie werden direkt im Nervensystem gespeichert und tragen zur Heilung bei.

Erst, wenn das Innere wieder hell ist, können wir auch unser Außen wieder hell wahrnehmen. Wenn wir das nicht tun, wird unser Nervensystem ein Leben lang versuchen, das Ganze irgendwie zu kompensieren.

In vielen Fällen ist es so, dass die äußere Umgebung zwar heller wird, wir aber die neuen Erfahrungen gar nicht wirklich in unser Inneres lassen können, weil uns unser System so sehr versucht zu schützen. So begeben wir uns manchmal immer wieder in ähnliche Situationen und ziehen diese sogar unterbewusst selber an.

Das Wichtigste auf unserem Weg ist, dass wir Schicht für Schicht Alles abtragen – wie bei einer Zwiebel – und alle Emotionen nach und nach zulassen. Denn dein Wesenskern darf lernen, dass DAS, was früher nicht willkommen war, heute willkommen ist. Bedeutet, durch das Zulassen der Gefühle und das DA SEIN LASSEN, kann Spannung abgebaut werden. Diese Gefühle warten nur darauf angenommen zu werden und dass du wieder zu einer echten emotionalen Integrität findest.

Durch die Beobachterperspektive entsteht eine Ebene, die von all dem nicht betroffen ist. Durch sie schaffst du es nach und nach aus der Opferrolle austreten und trotzdem alles annehmen zu können. Dann kannst du darauf blicken wie auf eine Leinwand. Wie bei einem Kinofilm. Denn all das fällt dann von dir ab. Alles, was du erlebt hast, alles, womit du dich identifiziert hast. All die Schmerzen, all die Sorgen und Ängste. Und übrig bleibt nur noch der Teil, der beobachtet – DU.

Und je größer, stärker und heller DU wirst und je mehr du aufwachst, desto mehr werden diese dunklen Punkte verschwinden.

Allein dein jetziges Bewusstsein über das Ganze kann einen ersten heilenden Schritt bedeuten. Du darfst damit beginnen, all die Emotionen zuzulassen, mit denen dein Nervensystem immer und immer wieder hochfährt. Und die Themen, die zu diesen Emotionen führen, schreien förmlich danach, bearbeitet zu werden. Dein Nervensystem wird dann nach und nach zur Ruhe kommen. Denn es wird lernen, dass es in Sicherheit ist.

Ich hoffe sehr, dass ich dir mit diesem sehr tiefen Thema heute ein paar neue Denkanstöße geben konnte. Teile wie immer gerne deine Gedanken mit mir!